Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann

Kabinettausstellung im Städel Museum: „Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann“
Master-Studierende der Curatorial Studies kuratieren Kabinettausstellung – Eröffnung am 17. Juli

Studierende des Masterstudiengangs „Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik“ der Goethe-Universität und der Staatlichen Hochschule für Bildende Künste – Städelschule haben die Kabinettausstellung „Vergessene Körper: Helmut Kolle und Max Beckmann“ kuratiert, die am 17. Juli (Donnerstag) um 19 Uhr im Frankfurter Städel Museum eröffnet wird. Sie ist bis zum 21. September innerhalb der Sammlungspräsentation der Moderne des Städel Museums zu sehen.

Bei ihrer Auseinandersetzung mit der Sammlung des Städel Museums, insbesondere mit Werken aus dem Depot, entdeckten die Studierenden die Gemälde des Malers Helmut Kolle, von dem sich drei Werke im Besitz des Museums befinden. In der Kabinettausstellung werden diese nun gemeinsam den Besuchern präsentiert. Ergänzt werden die relativ unbekannten Gemälde Kolles durch zwei von insgesamt acht Bronzeskulpturen Max Beckmanns. „Dass die Wahl der Studierenden auf den Maler Helmut Kolle fiel, freut mich besonders. Der Künstler Kolle hat bislang wenig Aufmerksamkeit erfahren“, so Dr. Felix Krämer, Sammlungsleiter der Kunst der Moderne im Städel Museum.
Wie kommt es zu der Gegenüberstellung von Helmut Kolle (1899–1931) und Max Beckmann (1884–1950)? Welche Verbindungen lassen sich zwischen den beiden Künstlern aufzeigen? Worin unterscheiden sie sich? Annabel Ruckdeschel, eine der Master-Studierenden, zur Konzeption der Ausstellung: „Wir wollten an den nur wenig bekannten Maler Helmut Kolle erinnern, indem wir seine Verbindungen  zu einem bekannten Meister sichtbar machen. Ein wesentlicher Zug seiner Gemälde wird vor dem Hintergrund von Beckmanns Skulpturen deutlich. Beckmann teilte mit ihm das Interesse an Körperlichkeit, besonders in seinen plastischen Arbeiten.“ Sowohl Beckmann als auch Kolle setzten sich mit ihren figurativen Arbeiten von den zunehmenden Abstraktionstendenzen in der Kunst seit 1900 ab. Während Kolles pastoser Farbauftrag die Malerei teilweise plastisch erscheinen lässt, sind Beckmanns Bronzeskulpturen darauf angelegt, die Flächigkeit im dreidimensionalen Objekt zu stärken.
Der 1899 in Charlottenburg geborene Maler Helmut Kolle lebte zusammen mit seinem Partner, dem Kunsthändler und -kritiker Wilhelm Uhde in Paris, wo er auch Erfolge mit Galerieausstellungen feierte. Durch Uhde war er mit der französischen Kunstszene vertraut, die seine künstlerische Arbeit stark prägte. Obwohl Uhde zeitlebens versuchte Kolles Werke in deutschen Museen zu platzieren, stießen sie dort auf nur geringen Anklang.
Das erste Gemälde Kolles gelangte auf Beckmanns Vermittlung hin 1932 an das Städel Museum. Anders als Kolle war Beckmann als Maler eine zentrale Figur im deutschen Kunstbetrieb. Mit Uhdes Unterstützung versuchte auch Beckmann sein Pariser Netzwerk weiter auszubauen. Zwischen 1936 und 1938 sowie um 1950 schuf er insgesamt acht Plastiken, die weniger bekannt sind als seine Gemälde.
Die drei im Seitenkabinett präsentierten Arbeiten von Kolle „Toreros“ (1925), „Junge mit Hampelmann“ (1929) und „Selbstbildnis“ (1930) zeigen deutlich den stilistischen Einfluss der europäischen Avantgarde. Ein motivisches Vorbild für Kolles Darstellungen von sportlichen, jungen Männerkörpern waren Aktfotografien aus Männermagazinen. Die Fotografie war ein Medium, das Kolles Arbeit weitergehend beeinflusste. Die Wahl des Bildausschnitts, sowie die reduzierte Farbigkeit machen dies sichtbar. In den drei Arbeiten von Kolle stehen nicht Posen des Triumphs im Mittelpunkt. Er malt die „Toreros“ während einer Pause, nachdenklich, nahezu verletzlich. Die Ideale und Stereotype des zeitgenössischen Bildes vom starken Mann werden in Frage gestellt, zuweilen auch umgekehrt. Das intime Selbstporträt des Künstlers zeigt ihn kurz vor seinem frühen Tod im Jahr 1930. Die ungelenke Haltung seines Körpers und das dominant ins Bild gesetzte rote Brusttuch lesen sich wie ein Verweis auf Kolles Herzleiden, dem er nur wenig später erliegen sollte.
Die beiden Skulpturen von Max Beckmann wurden von den Studierenden als Gegenposition zu den Werken Helmut Kolles ausgewählt. Die muskulöse Männerfigur der in der Ausstellung gezeigten Skulptur „Adam und Eva“ (1936) findet ihre Entsprechung in Kolles „Toreros“. Ihren Umgang mit Körperlichkeit sowie die Thematisierung von scheinbar gängigen Rollenbildern teilen beide Werke, womit sie bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bis heute andauernde Diskussion zum Gegenstand ihrer Arbeiten machten. Beckmann ließ sich ähnlich wie Kolle von französischen Künstlern beeinflussen. Seine „Tänzerin“ nimmt das Hauptthema des Malers Edgar Degas (1834 – 1917) auf. Die übersteigerte Haltung der Ballerina in Aktion steht im Gegensatz zu der reduzierten Gestik und der Passivität der Dargestellten in den Gemälden Kolles.

Die von den Studierenden erarbeitete Kabinettausstellung ist das zweite kuratorische Projekt des Masterstudiengangs, der sich international durch die einzigartige Verbindung von Universität, Kunstakademie und Museen auszeichnet. „Curatorial Studies – Theorie – Geschichte – Kritik“ wird in Kooperation mit dem Städel Museum und Liebieghaus, dem MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt, dem Historischen Museum Frankfurt, dem Weltkulturen Museum und dem Portikus durchgeführt. Durch innovative Lehrformate können Studierende akademisches Lernen und wissenschaftliche Forschung mit kuratorischen Fragestellungen und berufsbezogenen Erfahrungen verbinden.

Eröffnung: 17. Juli (Donnerstag), 19 Uhr im Städel Museum Schaumainkai 63, Frankfurt (bis 21. September)
Öffnungszeiten: Di, Mi, Sa, So 10.00–18.00 Uhr; Do, Fr 10.00–21.00 Uhr
Montags geschlossen

Die Goethe-Universität ist eine forschungsstarke Hochschule in der europäischen Finanzmetropole Frankfurt. 2014 feiert sie ihren 100. Geburtstag. 1914 gegründet mit rein privaten Mitteln von freiheitlich orientierten Frankfurter Bürgerinnen und Bürgern fühlt sie sich als Bürgeruniversität bis heute dem Motto „Wissenschaft für die Gesellschaft“ in Forschung und Lehre verpflichtet. Viele der Frauen und Männer der ersten Stunde waren jüdische Stifter. In den letzten 100 Jahren hat die Goethe-Universität Pionierleistungen erbracht auf den Feldern der Sozial-, Gesellschafts- und Wirtschaftswissenschaften, Chemie, Quantenphysik, Hirnforschung und Arbeitsrecht. Am 1. Januar 2008 gewann sie mit der Rückkehr zu ihren historischen Wurzeln als Stiftungsuniversität ein einzigartiges Maß an Eigenständigkeit. Heute ist sie eine der zehn drittmittelstärksten und drei größten Universitäten Deutschlands mit drei Exzellenzclustern in Medizin, Lebenswissenschaften sowie Geisteswissenschaften. Mehr Informationen unter www2.uni-frankfurt.de/gu100